Lehrangebot

Sommersemester 2026

Im Sommersemester 2026 bietet der Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas folgende Lehrveranstaltungen an:

Oberseminar, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas

2 SWS / Deutsch / Katja Makhotina / Do 14:00 – 16:00 c.t.

Das Oberseminar versammelt Vorträge zu aktuellen Themen der Osteuropäischen Geschichte von Erlangener Absolventinnen und Absolventen sowie auswärtigen Gästen. Es dient allen an der Osteuropäischen Geschichte Interessierten als Diskussionsforum und wissenschaftliches Laboratorium.

Studon

Gewissensfreiheit und Gewissenshäftlinge: Vergleich zwischen Ost- und Westeuropa

2 SWS / Deutsch / Katja Makhotina  / Do 12:00 – 14:00 c.t.

as Verhältnis von Christentum und Menschenrechten wurde lange anhand zweier gegensätzlicher Meistererzählungen diskutiert. Unbestritten ist jedoch, dass insbesondere die Idee der Religionsfreiheit maßgeblich zur Entwicklung der Menschenrechte im 20. Jahrhundert beitrug. Bereits seit der Reformation spielte die Gewissens- und Religionsfreiheit eine zentrale Rolle in politischen und religiösen Auseinandersetzungen.

Im Seminar steht die Gewissensfreiheit als spezifisches Menschenrecht im Mittelpunkt. Dabei fragen wir nach historischen und ideengeschichtlichen Deutungen des Gewissens: Wird es als Stimme Gottes verstanden, als Produkt aufklärerischer Moral oder als individuelles moralisches Urteil? Diese Fragen prägten auch die intellektuellen Debatten des 19. Jahrhunderts über Schuld, Strafe und moralische Läuterung, etwa bei Dostojewski, Nietzsche und Freud.

Ein Schwerpunkt liegt auf religiösen Minderheiten in Osteuropa des späten 19. Jahrhunderts, deren pietistisch geprägte Frömmigkeit – etwa bei Stundisten, Molokanen, Mennoniten oder den Maljowancy – zu Konflikten mit staatlichen und kirchlichen Autoritäten führte. Ihre Praxis bibelorientierter Versammlungen und ihr häufig radikaler Pazifismus machten sie zu frühen Akteuren im Ringen um Gewissensfreiheit.

Darüber hinaus verfolgt das Seminar die Transformation der Gewissensfreiheit vom Minderheitenschutz im Völkerbund nach 1919 hin zu einem universalen Menschenrecht nach 1945. Im späten 20. Jahrhundert wurde der Begriff durch die Arbeit von Amnesty International neu geprägt, insbesondere durch die Kategorie des „Gewissenshäftlings“. Die Organisation setzte sich weltweit – im Osten, Westen und globalen Süden – für Menschen ein, die aufgrund ihrer Überzeugungen gewaltfrei verfolgt wurden.

Neben historischen Kontexten behandeln wir Selbstzeugnisse von Gewissenshäftlingen sowie Materialien der deutschen Sektion von Amnesty International. Ziel ist es, die Entwicklung der Gewissensfreiheit als Menschenrecht und ihre Bedeutung im Ost-West-Vergleich zu analysieren.

Studon

 

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Die Erfindung des Terrorismus. Politische Gewalt und Literatur im Russischen Reich um 1900

2 SWS / Deutsch / Moritz Florin in Kooperation mit Christian Zehnder (Uni Bamberg)  / Einzeltermine, Blockseminar: 9. – 10. Juli 2026

Terrorismus ist in der Gegenwart zu einem politischen Kampfbegriff geworden. Terroristische Gewaltakte bedrohen jegliche staatliche Ordnung, ihre Gewalt trifft meist wahllose Opfer und entfaltet gerade deshalb ihre gesellschaftlich spaltende Wirkung. Zugleich wird die ständige Bedrohungslage als Rechtfertigung genutzt, um staatliche Eingriffe in die Grundrechte zu begründen. Nicht zuletzt in den wiederkehrenden „Kriegen gegen den Terror“ spielt die moralische Verdammung terroristischer Gewaltakte eine entscheidende Rolle.

Das interdisziplinäre Seminar nimmt diese Debatten aus literaturwissenschaftlicher und aus historischer Perspektive in den Blick. Diskutiert werden sollen unter anderem die Zusammenhänge zwischen literarischer und nichtliterarischer Textproduktion, sowie –allgemeiner – zwischen politischer Gewalt und diskursiver Selbstverortung. Das Seminar richtet sich an fortgeschrittene Studierende der Geschichtswissenschaft und Slavistik in Bamberg und in Erlangen.

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Imperien, Revolutionen, Nationen: Das östliche Europa im 19. und 20. Jahrhundert

2 SWS / Deutsch /Katja Makhotina / Mi 16:00 – 18.00 c.t.

Die vor hundert Jahren gegründete Sowjetunion wollte als erster sozialistischer Staat auf Erden in die Geschichte eingehen, ihre Ausstrahlung bewirkte die politischen Umbrüche auf der ganzen Welt. Das Erbe dieses Experiments ist auch heute noch sichtbar, so wie die Kontroversen um seinen Gründungsmythos – die Große Russische Revolution 1917 noch immer andauern: War 1917 ein Aufbruch zur Freiheit und Gerechtigkeit, ein Staatsstreich oder eine nationale Katastrophe? Die Vorlesung wird an der Revolution 1917 ansetzen und den Bürgerkrieg (1918-1922) thematisieren, aus dem die Sowjetunion hervorgegangen ist. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Nationalitätenpolitik der Bolschewiki in den ehemaligen Teilen des zerfallenen Russländisches Kaiserreichs – von der Ukraine über Kaukasus bis zur Zentralasien. Wir widmen uns dem ersten sowjetischen Jahrzehnt mit all seiner kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Ambivalenz: Den kühnen biopolitischen Zukunftsvisionen (z.B. den Kosmisten), der ersten sowjetischen Avantgarde und der Neuen Ökonomischen Politik. Die Stalinzeit war mit ihrem „Großen Umbruch“ und der konservativen Kulturrevolution eine ähnlich große Zäsur der Geschichte, wie die Leninsche „Revolution“ selbst. Stalin setzte auf die forcierte Industrialisierung, zerschlug bäuerliche Wirtschaft und bäuerliche und nomadische Lebenswelten mit größter Gewalt, die die ganzen Landstriche in der Ukraine, in
Kasachstan und an der Wolga entvölkerte, er tauschte die Spezialisten in der Industrie und Eliteschichten in der Partei aus, ließ Häftlinge in Lagern als Arbeitssklaven ausbeuten und setzte den Massenterror in Gang. Im letzten Teil der Vorlesung widmen wir uns dem Zweiten Weltkrieg, der am 1. September 1939 mit Hitlers Überfall auf Polen begann. Wir sprechen über die Bedeutung des Molotov-Ribbentrop-Paktes für die zwei Jahre deutsch-sowjetischer Kooperation auf den besetzten Gebieten des Baltikums und Polens. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, angefangen am 22. Juni 1941, wird als „Krieg wie kein anderer“ genannt. Wir sprechen über die Strukturen der Vernichtung als leitender Logik der NS-Führung, über die Orte der Gewalt und über die Erinnerungskultur. Die Vorlesung schließt mit der unmittelbaren Nachkriegszeit, der Gewalt im Spätstalinismus und mit der Frage, wie die heutige russische Gesellschaft mit der Figur Stalins umgeht.

Studon

Die Sprache des Lager-Universums: westeuropäische und sowjetische Lagerzeugnisse im Vergleich

2 SWS / Deutsch / Katja Makhotina  / Mi 14:00 – 16:00 c.t.

2027 jährt sich der Geburtstag Warlam Schalamows zum 120. Mal. Kein anderer Zeuge des Gulags hat so radikal den Wert des Lagerzeugnisses in Frage gestellt: Das Lager produziere einen „zertretenen Geist“, und es gehe nicht darum, Leben und Glauben im tiefsten Unglück zu bekräftigen, sondern um Hoffnungslosigkeit und Zerfall. Die existenzialistische Radikalität von Schalamows Prosa, seine Sprache des „nackten Lebens“ und sein Umgang mit dem Vergessen – um zu Überleben – gelten in der Slavistik und der osteuropäischen Geschichtswissenschaft als wichtige Korrektive zur Erinnerungsliteratur über den Gulag. Bekannt ist auch der Bezug auf Schalamow durch den ehemaligen Häftling eines anderen Lageruniversums, Jorge Semprún – ebenfalls Schriftsteller –, der 2005 in seiner Rede anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager die Hoffnung formulierte, „dass neben den Büchern von Primo Levi, Imre Kertész oder David Rousset auch die Erzählungen aus Kolyma von Warlam Schalamow gestellt werden.“

Zwanzig Jahre sind seit jener Rede vergangen. Im Jahr 2025 liegt eine Auswahl Schalamows Schriften in einer neuen Ausgabe bei Matthes & Seitz vor; acht Bände mit seinen Schriften hatte der Verlag bislang veröffentlicht. Und doch: Man kann kaum behaupten, dass Schalamows Œuvre denselben Rang in der öffentlichen Wahrnehmung erlangt hätte wie die Werke der ehemaligen KZ-Häftlinge. Hier zeigt sich ein erheblicher Bedarf an Veränderung: Liest man die Werke Schalamows vergleichend mit den westeuropäischen literarischen Erinnerungszeugnissen stellt sich ein markanter Erkenntnismoment ein – insbesondere im Hinblick auf seine Radikalität und seine unverwechselbare Sprache.

Schalamows Perspektive auf die Lagerexistenz stellt für die angehenden Lehrerinnen und Lehrer – eine wertvolle Ergänzung ihrer didaktischen Methoden und Materialien dar. Sie ermöglicht es, die Zeugnisse von Viktor Frankl, David Rousset, Primo Levi, Imre Kertész und Elie Wiesel deutlicher zu profilieren und deren Besonderheiten schärfer herauszuarbeiten. Dieses Seminar ist eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Universität Bonn (Seminar Hera Shokohi). Die Erzählungen Schalamows sowie Auszüge aus den Schriften von Efrosinija Kersnovskaja, Evgenija Ginzburg und Alexander Solschenizyn werden in den Seminaren gelesen und gemeinsam analysiert. Ergänzend befassen sich die Studierenden mit einschlägigen Werken von Jorge Semprún, David Rousset, Elie Wiesel, Imre Kertész, Viktor Frankl, Primo Levi und Margarete Buber-Neumann. Darüber hinaus werden historische Kontexte zur sowjetischen Geschichte sowie erinnerungstheoretische Ansätze zur Auseinandersetzung mit Lagerzeugnissen vermittelt und diskutiert. Leitfragen sind u. a.: Wie schreibt man über radikale Gewalt? Welche intertextuellen Bezüge lassen sich zwischen Auschwitz- und Kolyma-Prosa erkennen und sichtbar machen?

Die dichte Auseinandersetzung und Analyse mit den Lagerzeugnissen bietet für die Studierenden einen quellennahen mikrohistorischen Einstieg in die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die eigentliche Quellenarbeit erfolgt durch Studierende in Teams, die jeweils eine thematische Perspektive bearbeiten.

Lernziele
Zur methodischen Abstimmung findet vor Beginn der Schreibarbeit ein Workshop mit allen Beteiligten statt, zu dem auch ausgewiesene Expert:innen für Schalamows Œuvre eingeladen werden. In Zwei- oder Dreierteams erstellen die Studierenden anschließend Skripte für einen Doku-Podcast. Diese deskriptiv-analytischen Texte sind zugleich Studienleistungen im Rahmen der einschlägigen Module an der FAU und an der Universität Bonn und werden dort benotet.
Studon

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Digital History and Eastern Europe

2 SWS / Englisch / Dinara Gagarina / Mo 12:00 – 14:00 c.t.

This course offers an introduction to digital history within the wider domain of digital humanities, delving into the methodologies, strategies, and technologies that are transforming historical scholarship in the digital era. Although it addresses digital history on a worldwide scale, the focus is particularly on initiatives and the unique characteristics of digital history in Eastern Europe and Central Asia. Participants will explore how digital techniques enrich historical investigations – via cultural heritage digitization, computational analysis, and data visualization – and analyze case studies that illustrate regional implementations. The program empowers learners with hands-on abilities to incorporate digital resources into their historical work. It examines an array of digital techniques and technologies – such as text-processing tools, GIS systems, visual methodologies, and AI applications – to advance research efforts and project creation.

The final work consists of an essay reflecting on these themes and methods. The course is offered in English; however, essays can be completed in German.

Studon

 

Revolution, Hunger, Besatzung. Quellen der ukrainischen Geschichte 1917 – 1945

2 SWS / Deutsch / Igor Biberman/ Zweiwöchentlich, Fr  10:00 – 12:00 c.t.; Blockveranstaltung am 17.07.2026 

Das Gebiet der heutigen Ukraine wurde im 20. Jahrhundert zum Schauplatz zentraler Gewaltereignisse: Revolutionen, Bürgerkriege, Pogrome, Hungerkatastrophen und deutsche Besatzungsgewalt forderten im multiethnischen Land Millionen Opfer. Die stalinistische Herrschaft wurde mit extremer Gewalt gegen die bäuerliche Bevölkerung der Ukraine durchgesetzt: In der künstlich ausgelösten Hungersnot starben etwa 3,5 Millionen Menschen. Die deutschen Besatzer ermordeten in der Ukraine etwa 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden. Davon zeugen etwa die Massenerschießungsstätten in Babyn Jar (Kyjiw) und Drobizkyj Jar (Charkiw) – zwei der bekanntesten Orte des „Holocaust by Bullets“. Millionen Ukrainer:innen wurden zudem als sogenannte „Ostarbeiter“ in das Deutsche Reich verschleppt. Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder bezeichnete das Staatsgebiet der Ukraine daher als Teil der europäischen „Bloodlands“ (2011). Zugleich betonte Snyder, dass es Aufgabe der Historiker:innen bleiben müsse, hinter den Zahlen auch die individuellen menschlichen Schicksale sichtbar zu machen.

In dem Seminar werden wir uns multiperspektivisch und anhand von Quellen mit verschiedenen Zugängen zur Geschichte der Ukraine in den Jahren von 1917 bis 1945 beschäftigen. Neben der Gewaltgeschichte stehen Fragen der Nationsbildung und nationalen Selbstbestimmung im Mittelpunkt, ebenso Aspekte zeitgenössischer Erinnerungspolitik und konkurrierender Gedenknarrative sowie Fragen von Kollaboration und Besatzungsalltag. Zum Themenabschnitt Zwangsarbeit ist eine Besichtigung des Stadtarchivs Erlangen vorgesehen. Das Seminar eignet sich in besonderer Weise für Lehramtsstudierende, da Quellen behandelt werden, die sich gut in die didaktische Praxis integrieren lassen. 

Studon

Wintersemester 2025/26

Im Wintersemester 2025/26 bietet der Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas folgende Lehrveranstaltungen an:

Oberseminar, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas

2 SWS / Deutsch / Katja Makhotina / Do 14:00 – 16:00 c.t. Das Oberseminar versammelt Vorträge zu aktuellen Themen der Osteuropäischen Geschichte von Erlangener Absolventinnen und Absolventen sowie auswärtigen Gästen. Es dient allen an der Osteuropäischen Geschichte Interessierten als Diskussionsforum und wissenschaftliches Laboratorium.

Campo

Krieg und Besatzung im Baltikum: Geschichte und Erinnerung

2 SWS / Deutsch / Katja Makhotina  / Mi 14:00 – 16:00 c.t.
Die ersten von der Wehrmacht besetzten Gebiete Osteuropas waren die heute unabhängigen Staaten Lettland, Litauen und Estland. Sie waren keine eigenständigen Angriffsziele, sondern Durchgangsgebiete auf dem Weg der deutschen Armee nach Leningrad und Moskau im Rahmen des sogenannten „Unternehmens Barbarossa“, des Feldzugs gegen die Sowjetunion. Dieser Krieg war von Beginn an als Raub- und Vernichtungskrieg geplant, in dessen Verlauf Millionen Menschen verhungern oder versklavt werden sollten.
Das Baltikum gilt in der Forschung nicht zufällig als „Testgelände des Holocaust“: Bereits Ende September 1941 hatten deutsche Polizeieinheiten und einheimische Helfer den Großteil der jüdischen Bevölkerung in den ländlichen Regionen Litauens und Lettlands ermordet. Der Einmarsch der Deutschen bedeutete sofortige Entrechtung, die Verhaftung jüdischer Männer als vermeintliche „Bolschewisten“, Ghettoisierung und ab Ende August 1941 schließlich den Völkermord durch die systematische Erschießung auch von Frauen und Kindern.
Während des gesamten Krieges starben in den baltischen Republiken mindestens 270.000 Juden, die meisten von ihnen in Litauen. Das Schicksal der litauischen Juden war besonders tragisch: Litauen galt als ein Zentrum jüdischen Lebens in Osteuropa, die Stadt Vilnius als „Jerusalem des Nordens“. Bis zum 1. Dezember 1941 waren die meisten dieser Menschen
bereits in zahlreichen Massenerschießungen ermordet worden, die unter deutscher Zivilverwaltung (Reichskommissariat Ost) von Einsatzgruppen und litauischen Schützenbataillonen durchgeführt wurden. Die Beteiligung litauischer Kollaborateure am Holocaust blieb ein schmerzliches Trauma für die wenigen Überlebenden und prägt die litauisch-jüdischen Beziehungen bis heute.
In der Sowjetunion wurde die Erinnerung an den Holocaust durch ein heroisches, siegeszentriertes Narrativ überlagert: Jüdische Opfer wurden innerhalb der Gesamtzahl von 14 Millionen ermordeten sowjetischen Zivilisten nicht gesondert hervorgehoben. Erst nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit konnte sich eine spezifisch jüdische Erinnerungskultur im öffentlichen Raum entwickeln; in Lettland und Litauen entstanden Jüdische Museen. Dennoch bleibt die Frage der breiten lokalen Mittäterschaft am Holocaust eine schwere Bürde in den Beziehungen zwischen Überlebenden und Mehrheitsgesellschaft. Die Erinnerung an den Holocaust im Baltikum ist bis heute von Erinnerungskonkurrenzen und Opferhierarchien geprägt.

Lernziele

Campo

Geschichte der Sowjetunion 1922 – 1991 

2 SWS / Deutsch /Katja Makhotina / Mo 14:00 – 16:00 c.t. Die vor hundert Jahren gegründete Sowjetunion wollte als erster sozialistischer Staat auf Erden in die Geschichte eingehen, ihre Ausstrahlung bewirkte die politischen Umbrüche auf der ganzen Welt. Das Erbe dieses Experiments ist auch heute noch sichtbar, so wie die Kontroversen um seinen Gründungsmythos – die Große Russische Revolution 1917 noch immer andauern: War 1917 ein Aufbruch zur Freiheit und Gerechtigkeit, ein Staatsstreich oder eine nationale Katastrophe? Die Vorlesung wird an der Revolution 1917 ansetzen und den Bürgerkrieg (1918-1922) thematisieren, aus dem die Sowjetunion hervorgegangen ist. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Nationalitätenpolitik der Bolschewiki in den ehemaligen Teilen des zerfallenen Russländisches Kaiserreichs – von der Ukraine über Kaukasus bis zur Zentralasien. Wir widmen uns dem ersten sowjetischen Jahrzehnt mit all seiner kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Ambivalenz: Den kühnen biopolitischen Zukunftsvisionen (z.B. den Kosmisten), der ersten sowjetischen Avantgarde und der Neuen Ökonomischen Politik. Die Stalinzeit war mit ihrem „Großen Umbruch“ und der konservativen Kulturrevolution eine ähnlich große Zäsur der Geschichte, wie die Leninsche „Revolution“ selbst. Stalin setzte auf die forcierte Industrialisierung, zerschlug bäuerliche Wirtschaft und bäuerliche und nomadische Lebenswelten mit größter Gewalt, die die ganzen Landstriche in der Ukraine, in
Kasachstan und an der Wolga entvölkerte, er tauschte die Spezialisten in der Industrie und Eliteschichten in der Partei aus, ließ Häftlinge in Lagern als Arbeitssklaven ausbeuten und setzte den Massenterror in Gang. Im letzten Teil der Vorlesung widmen wir uns dem Zweiten Weltkrieg, der am 1. September 1939 mit Hitlers Überfall auf Polen begann. Wir sprechen über die Bedeutung des Molotov-Ribbentrop-Paktes für die zwei Jahre deutsch-sowjetischer Kooperation auf den besetzten Gebieten des Baltikums und Polens. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, angefangen am 22. Juni 1941, wird als „Krieg wie kein anderer“ genannt. Wir sprechen über die Strukturen der Vernichtung als leitender Logik der NS-Führung, über die Orte der Gewalt und über die Erinnerungskultur. Die Vorlesung schließt mit der unmittelbaren Nachkriegszeit, der Gewalt im Spätstalinismus und mit der Frage, wie die heutige russische Gesellschaft mit der Figur Stalins umgeht.

Campo

Making History in Digital Age: Digital Tools for Historical Research

2 SWS / Englisch / Dinara Gagarina / Mo 10:00 – 12:00 c.t. This course offers an introduction to digital history within the wider domain of digital humanities, delving into the methodologies, strategies, and technologies that are transforming historical scholarship in the digital era. Although it addresses digital history on a worldwide scale, the focus is particularly on initiatives and the unique characteristics of digital history in Eastern Europe and Central Asia. Participants will explore how digital techniques enrich historical investigations – via cultural hertage digitization, computational analysis, and data visualization – and analyze case studies that illustrate regional implementations. The program empowers learners with hands-on abilities to incorporate digital resources into their historical work. It examines an array of digital techniques and technologies – such as text-processing tools, GIS systems, visual methodologies, and AI applications – to advance research efforts and project creation. Please note that the first class of the course will take place on October 22.

Campo

Die Sowjetunion in der Stalinzeit: Neue Ansätze der Stalinismusforschung

2 SWS / Deutsch / Katja Makhotina / Do 12:00 – 14:00 c.t. Die Zeit zwischen dem Beginn des ersten Fünfjahresplanes samt nachfolgender Zwangskollektivierung und dem Tod Stalins ging als Ära des „Stalinismus“ in die Geschichtsschreibung ein. In der gesamten sowjetischen Geschichte stellte dieser Zeitabschnitt eine besondere Form der Herrschaftsverfassung sowie der Sozial- und Kulturpolitik dar. Somit unterschied sich diese Phase gravierend von der Zeit davor (Leninismus) und danach (Chruschtschows Liberalisierung). Das Proseminar diskutiert unterschiedliche Ansätze der Stalinismusforschung in der westlichen und russischen Geschichtsschreibung – u.a. Stalinismus als Zivilisation, das Stalinsche im öffentlichen Raum sowie seine individuelle Subjektivierung und Reflexionen des Stalinismus in Kunst und Kultur. In dem Proseminar soll neben der Rolle der Gewalt (von Säuberungswellen der Parteikader bis zum Großer Terror), der Ideologie und des Personenkults auch das alltägliche Leben der jungen sowjetischen Gesellschaft („Flugsandgesellschaft“, Moshe Lewin) besprochen werden. Aufgrund der bis heute sehr widersprüchlichen Wahrnehmung von Stalin und der Zeit des Stalinismus in der russischen Gesellschaft, wird der Themenaspekt des Stalinismus in der post-sowjetischen Erinnerungskultur einen ebenfalls wichtigen Platz in der Übung einnehmen.

Lernziele

Verständnis von der „Gemachtheit“ der Geschichte durch das Durchdenken wichtigster Theorien und Methodologien; Grundwissen über die Schlüsselelemente der Stalinschen Herrschaft; Suchen, Lesen und Verstehen von Selbstzeugnissen aus der Zeit; Quellenanalyse; Diskursanalyse; erinnerungskulturelle Ansätze. Im Proseminar werden auch die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeiters vermittelt.

Campo

Ost- und Westeuropa zwischen den Weltkriegen

2 SWS / Deutsch / Igor Biberman / Einzeltermine + Blockseminar In der deutschsprachigen Geschichtsschreibung wurde die Zwischenkriegszeit lange als „Binnenzeit“ zwischen zwei Weltkriegen gelesen; der Weg in den Zweiten Weltkrieg schien in der Pariser Nachkriegsordnung bereits angelegt. Diese teleologische Sicht hat die neuere Forschung deutlich relativiert. Aktuelle Ansätze rücken eine transnationale Vergleichsperspektive in den Blick: globale Vernetzungen, koloniale Bezugshorizonte sowie Prozesse der Staats- und Nationsbildung auf den Trümmern der Habsburgermonarchie und des Russischen Reiches. So erscheint die Zwischenkriegszeit im gesamteuropäischen Vergleich als vernetzte, politisch wie kulturell umkämpfte Epoche. Zeitgenoss:innen erlebten zugleich Phasen der Liberalisierung und Demokratie-Experimente sowie eine sich überlagernde Polykrise aus Weltwirtschaftskrise und Inflation, Gewalt und Grenzkonflikten, die Prozesse der Autokratisierung beförderte. Politisch rangen demokratische und faschistische, kommunistische und nationalistische Ordnungsentwürfe um Macht, Legitimität und Deutungshoheit. Im Rahmen der Praxisübung betrachten wir die Zwischenkriegszeit als verflochtene europäische Epoche, die Ost- und Westeuropa gemeinsam denkt – über Demokratie- und Krisenerfahrungen, Gewaltgeschichte, internationale Ordnungspolitik, Geschlechtergeschichte, Migrationsforschung sowie postkoloniale Perspektiven bis hin zur Kultur- und Mediengeschichte.

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Exkursion zum HS Krieg und Besatzung im Baltikum: Geschichte und Erinnerung

Im Rahmen der viertägigen Exkursion werden Orte des Holocaust by bullets in Riga und in Liepāja (Lettland) besichtigt.  Der Termin wir den Teilnehmenden des Hauptseminars zeitnah bekanntgegeben (vrsl. März 2026).

Campo