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Exkursion nach Berlin im Februar 2018

Gründe nach Berlin zu fahren gibt es eigentlich immer, gerade für Zeithistoriker*innen. Einen besonderen Anlass lieferte in diesem Jahr das Deutsche Historische Museum mit der Ausstellung „1917. Revolution“. Bereits im Jahr 2017 hatte der Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte eine Exkursion nach Russland organisiert. In St. Petersburg und Wladimir hatten die Studierenden Gelegenheit, mit russischen Historikern und Historikerinnen über den Umgang der russischen Öffentlichkeit mit dem 100. Jahrestag der Revolution zu diskutieren. Im Anschluss daran bot es sich an, in Berlin mehr über die deutsche Sicht auf dieses Ereignis zu erfahren.

Inhaltlich ging es dabei nicht nur um die Russische Revolution, sondern allgemeiner um die deutsch-russische (bzw. sowjetische) Beziehungs- und Verflechtungsgeschichte. Im Deutschen Historischen Museum wurde die Gruppe von Nathanael Kuck durch die Ausstellung geführt. Als Museumsmitarbeiter konnte er nicht nur über die Inhalte, sondern auch über das Ausstellungskonzept berichten. Die Schau im DHM eröffnet dabei – mit dem notwendigen Mut zur Lücke – eine Vielzahl von Perspektiven auf die revolutionären Ereignisse, darunter nicht nur diejenige der Akteure der Revolution selbst, sondern auch von Künstlern und Literaten. Dabei beleuchtet sie nicht nur die russische oder deutsche Perspektive, sondern weitet den Blick auf die 1920er Jahre in ganz Europa.

Auch am zweiten Tag ging es um die Auswirkungen der Revolution. Barbara Kerneck, langjährige freie Korrespondentin in Moskau, führte die Gruppe durch das Berlin der russischen Emigration. Die Anekdoten über Andrej Belyj, der in den 1920er Jahren im Stadtpalais der Kaisertochter Viktoria Luise lebte, bildeten den roten Faden: Hier verhedderte er sich in einer Drehtür, dort lehnte er sich buchstäblich zu weit aus dem Fenster. Doch auch die berühmteste Emigrantenfamilie im Berlin der 1920er Jahre kam vor: Die Nabokows. Besonders das Schicksal dieser Familie verdeutlicht die Zerrissenheit der russischen Emigrantenszene, die ihre alten, vorrevolutionären Konflikte auch im Exil weiterführte. Wladimir Dmitriewitsch Nabokow, seines Zeichens Jurist und bekannter Vertreter des russischen Liberalismus, wurde im Jahr 1922 von einem monarchistischen Emigranten ermordet. Sein Sohn hingegen hielt sich mit einer Vielzahl von Tätigkeiten, unter anderem als Tennis- und Schachlehrer sowie Übersetzer, über Wasser. Erst in den 1950er Jahren, viele Jahre nach der Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland, sollte er mit seinem Roman „Lolita“ Weltruhm erlangen.

Nach dieser sehr ausführlichen, überaus empfehlenswerten Führung fuhr die Gruppe am Nachmittag nach Karlshorst ins Deutsch-Russische Museum. Die Ausstellung befindet sich in dem Gebäude, in dem die Wehrmachtsführung am 8./9. Mai 1945 die Urkunde der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches unterzeichnete. Die Führung durch dieses Museum übernahm der ehemalige Lehrstuhlmitarbeiter Arkadi Miller. Anhand einzelner Objekte, wie etwa einem Schlachtendiorama, das noch aus der ursprünglichen Ausstellung der DDR-Zeit erhalten ist, erhielt die Gruppe einen Einblick in die Erinnerungspolitik der UdSSR seit dem Zweiten Weltkrieg. Die neue Dauerausstellung im Obergeschoss wiederum spiegelt den aktuellen Forschungsstand wider. Sie spannt einen Bogen vom Hitler-Stalin-Pakt über die deutsche Besatzungs- und Vernichtungspolitik bis hin zur Gegenoffensive der sowjetischen Armee, Flucht, Vertreibung und dem Kriegsende in Berlin.

Am Sonntag löste sich die Exkursion vom eigentlichen Thema und besuchte zunächst gemeinsam im Martin-Gropius-Bau eine Ausstellung über Juden, Christen und Muslime „im Dialog der Wissenschaften“ 500-1500. Am Nachmittag dann besichtigte ein Teil der Gruppe die „Topographien des Terrors“ und danach die Hohenzollern-Gruft im Berliner Dom. Ein anderer Teil hatte noch nicht genug von der Sowjetunion und fuhr nach Hohenschönhausen, wo eine Ausstellung zum Thema „Stalin und die Deutschen“ gezeigt wird.

Die Idee einer Berlinfahrt ging von den Studierenden, genauer von einem Seniorstudenten aus. Mit dem ihm eigenen Enthusiasmus organisierte Klaus Dyroff beinahe im Alleingang diese Fahrt, wofür das Lehrstuhlteam sich hiermit sehr herzlich bei ihm bedankt!

M.F.